Viele Städte Europas haben es bereits, nun soll auch Wien eines bekommen: ein Einzelhandelskonzept. Damit soll der Wiener Handel für die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft gewappnet werden. Die Wiener Wirtschaftskammer will damit auf Veränderungen reagieren.

“Wir sehen einige Veränderungen und auf Veränderungen muss man irgendwann reagieren”, begründete die Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, Brigitte Jank, im Gespräch mit Journalisten das Vorhaben. So habe sich etwa das Konsumverhalten geändert und der Einzelhandel einen Strukturwandel vollzogen.

Ziel des Einzelhandelskonzepts sei es, sicherzustellen, dass die gute Handelsentwicklung in dem Maße wie in der Vergangenheit auch weiter fortgesetzt werde, so Jank. Unter der Federführung der Wirtschaftskammer soll ein “Masterplan Einkaufsstadt Wien” erarbeitet werden: “Wir starten einen Prozess mit Gesprächen auf Stadt- und Bezirksebene.” Auch Unternehmen und die Bevölkerung sollen eingebunden werden. Mit Expertenhilfe werde schließlich das Konzept erstellt. Ein Ergebnis soll es nicht vor Ende 2012 geben.

Stärken-Schwächen-Profil

Die Wirtschaftskammer hat als Vorarbeit für das Konzept die Stärken und Schwächen des Einzelhandels analysiert. So gebe es in Wien eine Kaufkraft, die um fünf Prozent höher sei als in Rest-Österreich. 2010 gab es ein Kaufkraftvolumen von rund 31 Mrd. Euro, je Einwohner betrug es im Schnitt rund 18.130 Euro. Zudem ist die Nahversorgungsdichte in der Stadt hoch: 92 Prozent der Wiener erreichen in wenigen Gehminuten einen Lebensmittelhändler. Außerdem gibt es ein dichtes Einkaufsstraßennetz – nicht nur in der City, sondern auch in den Bezirken.

Zu den Schwächen zählt die Explosion der Verkaufsflächen. In den vergangenen dreißig Jahren seien die Flächen in den Hauptgeschäftsstraßen von rund 346.000 auf 718.000 Quadratmeter gewachsen, jene von Fachmarktagglomerationen am Stadtrand sogar von Null auf 674.000 Quadratmeter. Laut Jank sind weitere 100.000 Quadratmeter Verkaufsfläche für Einkaufszentren in Planung bzw. in Bau. Auch die Verkaufsflächen rund um die Stadt – etwa die Shopping City Süd – würden eine Herausforderung für den städtischen Einzelhandel bedeuten.

Hinzu kommt die Entwicklung der Handelsumsätze: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres seien die realen Umsätze um 1,8 Prozent gesunken. Auch das Konsumverhalten der Wiener habe sich verändert. Wurden 2000 noch 29 Prozent der Haushaltsausgaben für den Einzelhandel verwendet, so waren es 2009 nur 25 Prozent. Als Schwäche wird auch gesehen, dass es in Wien einen hohen Anteil an Filialisten und an inadäquaten Geschäftsflächen gibt. Bei letzteren handle es sich um Flächen in Gründerzeithäusern, die etwa über eine ungünstigen Grundriss und über keine moderne Ausstattung verfügen. Die Investitionen dies zu verändern seien zu hoch – sowohl für den Vermieter als auch für den Mieter, da die Ausgaben über die Einnahmen nicht hereingeholt werden könnten.

Einbindungen von Stadt, Bezirken und Unternehmen

Der Strukturwandel in Wien ist laut Jank ein internationaler Trend, der viele europäische Großstädte betrifft – aber: “Wir haben festgestellt, dass Wien eigentlich sehr gut dasteht.” Mit dem Einzelhandelskonzept sollen zukunftsorientierte Rahmenbedingungen zur Erhaltung der klein- und mittelständischen Wirtschaft im Einzelhandel geschaffen werden. Von der Stadt erwartet sich die Wirtschaftskammer eine umfassende Mitwirkung. Schließlich gehe es in vielen Teilbereichen um kommunale Aufgaben, die es – abgestimmt auf die Bedürfnisse von Wirtschaftstreibenden und Bevölkerung – anzugehen gelte.

Jank nannte bereits eine mögliche Maßnahme: Nach dem Verständnis der Wirtschaftskammer seien keine weiteren Flächenwidmungen für Fachmarktzentren erforderlich. Die Sonntagsöffnung sei hingegen keine Frage, die das Thema Einzelhandelskonzept dominieren werde: “Die Attraktivität muss für die heimische Bevölkerung geschaffen werden. Und die heimische Bevölkerung hat in den bisherigen Umfragen gesagt: Wir brauchen den offenen Sonntag nicht.” Jank nannte außerdem Beispiele an Maßnahmen, die es in anderen Städten mit Einzelhandelskonzept gebe – etwa überdachte Einkaufsstraßen oder eine Abgabenpflicht für Einkaufszentren in Stadtrandlagen.

Wird kein Einzelhandelskonzept entwickelt, dann fürchtet die Wirtschaftskammer, dass die Verkaufsflächen in Randlagen weiter ansteigen. Dies könne für den innerstädtischen Einzelhandel das Ende bedeuten, hieß es.

(APA) WirtschaftsBlatt.at vom 20.7.2011 via Wien bekommt “Masterplan” für den Einzelhandel.