Lokalaugenschein bei den Helden der Arbeit: Am Sonntag sind nicht nur Spitäler und Polizeistationen voll besetzt. 710.000 Menschen gehen am “Tag der Entschleunigung” gelegentlich, 457.000 regelmäßig ihrem Beruf nach.
Ein Wiener Kino am Sonntagabend: Es herrscht Großbetrieb. Kartenverkäufer und Snackausgeber haben alle Hände voll zu tun, das benachbarte China-Restaurant ist bestens besucht und auch das große Büchergeschäft kann sich nicht über fehlende Kundschaft beklagen. Alles scheint zu funktionieren. Hier, im Kinozentrum schon. Nur die übrigen Wiener Geschäfte sind bis auf wenige Ausnahmen geschlossen. Der Gesetzgeber hat das Aufsperren untersagt. Und das wird auch so bleiben: Ende Juni ließ Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) verlautbaren, klar gegen eine Erweiterung der Sonntagsöffnung zu sein. Die katholische Kirche ließ ausrichten, ein Leben ohne den freien Sonntag sei „unsozial und trister“. Doch für einen beträchtlichen Teil der Wiener – und der restlichen Österreicher – ist der Sonntag nicht der „Tag des Herrn“, sondern der „Tag der Arbeit“.
In Österreich verrichten laut Statistik Austria knapp 710.000 Menschen gelegentlich, 457.000 sogar regelmäßig Arbeit am Sonntag. Eine von ihnen ist Andrea Hubacek. Die 45-Jährige ist Anästhesistin in der Wiener Rudolfstiftung. „Pro Monat“, erzählt sie, „habe ich einen Sonntagsdienst. Problem habe ich damit aber keines.“
Wenn man sich diesen Beruf aussuche, wisse man von Anfang an, dass man auch sonntags beschäftigt ist. „Außerdem erhalte ich für diesen Tag mehr Gehalt, sowie einen weiteren freien Tag in der darauf folgenden Woche.“ Für sie sei es vor allem dieser freie Tag, für den sie ihren Sonntagsdienst gerne verübt. Die Anästhesistin könnte sich ihn zwar auszahlen lassen – dafür erhielte sie 150 Euro. Jedoch „genieße ich natürlich jede freie Minute, die mir zur Verfügung steht. So sehr ich meinen Beruf auch mag“.
Hubacek ist klar, dass es hin und wieder zu Beschwerden von Kollegen mit Kindern kommen könne. Aber hauptsächlich „von den Partnern der Betroffenen. Aber wirkliche Probleme auch für Alleinerziehende sind mir bisher nicht zu Ohren gekommen.“ Die hätten alle ein gut funktionierendes soziales Umfeld oder eine Nanny. „Es gibt immer irgendjemanden, der sich um die Kinder kümmern kann.“ Denn der Betriebskindergarten der Rudolfstiftung hat am Sonntag geschlossen.
Überhaupt scheint es in ganz Wien schwierig bis unmöglich zu sein, Kinderbetreuung am Sonntag in Anspruch nehmen zu können. Michaela Zlamal, Sprecherin des zuständigen Stadtrates Christian Oxonitsch (SPÖ), erklärte, dass Angebote am Wochenende nicht sehr gefragt seien. „Fallweise dürfte es jedoch in Spitälern einen Nachtkindergarten geben“, sagt Zlamal.
Ob sich die Ärztin Hubacek verhöhnt fühlt, wenn Politiker und Kirche behaupten, ein Leben ohne den freien Sonntag wäre „härter, ärmer, trister und unsozialer“? „Ja, schon. Immerhin gibt es so viele Menschen, die sonntags arbeiten müssen“, sagt sie und verweist auf Polizisten, Kellner und Taxifahrer, für die der siebente Tag der Woche keinen Tag der Erholung darstellt.
In einem Wiener Fitnesscenter hört man ähnliches. Student Manuel Heider arbeitet jeden Sonntag im Monat. Er mache das freiwillig, er braucht das Geld. Auf die Frage, ob Kollegen mit Kindern sich schon einmal über den Sonntagsjob beschwert haben, antwortet er mit einem klaren Nein. „Viele Mitarbeiter, die sonntags unsere Kunden betreuen, haben Familie mit Kindern. Denen macht das aber nichts aus.“
Auch Gerhard Pürstl, Präsident der Wiener Polizei, weist daraufhin, dass es innerhalb der Polizei noch keine Beschwerden über den Dienst am Sonntag gab. Bei der Polizei „sind Dienste am Sonntag völlig normal“.
Sieben Tage Einkaufsrausch? Fragt man die Bevölkerung zum Thema Sonntagsöffnung, sieht das Bild nicht mehr ganz so einheitlich aus. Die Schülerin Linda Stix ist auf jeden Fall dafür, dass die Öffnung auf Sonntag ausgedehnt wird, weil sie unter der Woche nicht so viel Zeit zum Einkaufen habe. Zudem gebe es am Samstag einen derartigen Ansturm auf die Wiener Einkaufsmeilen, dass ihr „die Lust auf einen gemütlichen Einkaufsbummel vergeht“. Auch ihre Freundin Elisabeth Hacker versteht nicht, „was so schlimm wäre, sollten die Supermärkte auch sonntags geöffnet haben dürfen“.
Pensionistin Eva Stein sieht das anders. „Wozu denn noch ein Tag mehr, an dem der Kundschaft das Geld aus den Taschen gezogen wird? Sechs Tage Einkaufsrausch sollten unserer Gesellschaft genügen!“, sagt sie verärgert. Angst vor einem weiteren „Einkaufstag“ braucht die 68-Jährige nicht zu haben. Vorerst ist keine Änderung in Sicht. Baumeister und Shoppingcenter-Besitzer Richard Lugner brachte im Mai zwar mit neun anderen Händlern eine Klage beim Verfassungsgerichtshof ein, da in seinen Augen das Verbot der Sonntagsöffnung der Erwerbsfreiheit widerspreche. Eine Entscheidung ist für Mitte nächsten Jahres zu erwarten.
Touristen für Sonntagsöffnung. Dass viele Touristen sich freuen würden, am Sonntag einzukaufen, scheint abgesehen von Richard Lugner und der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) kaum jemanden zu interessieren. Der Italiener Battista Vendosso ist nur über das Wochenende aus Mailand angereist. „Ich bin zwar nicht nur mit dem Wunsch, in Wien viel einzukaufen, hierher gereist, allerdings hätte ich mir schon gerne ein oder zwei Sachen gekauft. Vielleicht auch irgendein Schmuckstück für meine Freundin, aber gestern ist es sich nicht ausgegangen und morgen fahre ich bereits wieder nach Hause.“ In ein Land, das sehr wohl die Möglichkeit bietet, am „Tag des Herrn“ einzukaufen, obwohl die katholische Kirche, die sich in Österreich seit Jahrzehnten gegen eine Sonntagsöffnung wehrt, dort ihren Sitz hat.
Laut einer von der ÖHV in Auftrag gegebenen Umfrage des Gallup-Instituts unter Wien-Touristen aus dem Jahre 2010 steht der Italiener mit dem Wunsch auf offene Geschäfte am Sonntag nicht alleine da: 61 Prozent der Befragten wären für längere Öffnungszeiten und 63 Prozent gaben an, dass sie am Sonntag einkaufen würden, sofern sie die Möglichkeit hätten.
Dieses Zugeständnis wird man der zahlenden Kundschaft in nächster Zukunft wohl nicht machen. Erwin Pellet, Spartenobmann des Wiener Handels in der Wirtschaftskammer, will, dass Sonntagsarbeit „nur die Ausnahme, nicht die Regel“ sein soll und sieht im Sonntag den einzigen Tag, an dem Zeit für „menschliche Nähe, Wärme und Kontinuität in Beziehungen“ sei.
Auch Wolfgang Katzian, Vorsitzender der Gewerkschaft für Privatangestellte (GPA), ist strikt gegen die Sonntagsöffnung. Obwohl er, wie er sagt, selbst schon Dienstleistungen an diesem Tag in Anspruch genommen habe. „Wie jeder andere auch.“ Vielleicht sogar im bestens besuchten Wiener Kinozentrum.
© DiePresse.com vom 16.7.2011 via Sonntag – Tag der Arbeit « DiePresse.com.